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Überlegungen zur Diskussion rund um die Einführung eines reformierten Glaubensbekenntnisses.

Wissen wir, wer wir sind?
Es ist Interessantes im Gange in den reformierten Landeskirchen der Schweiz: Es soll ein Bekenntnis der Schweizer Reformierten Kirchen entstehen – dieser Kirchen also, zu deren Selbstverständnis es doch schon seit über hundert Jahren gehört, kein eigenes Bekenntnis zu haben: zwar nicht bekenntnislos, aber doch bekenntnisfrei zu sein! Auf Initiative der Zürcher Landeskirche, von Beginn weg aber interkantonal zusammengestellt, hat sich eine Gruppe aus Theologen, Theologinnen und weiteren Interessierten daran gemacht, den Weg hin zu einem solchen einheitlichen Bekenntnis auszuloten, Vorschläge auszuarbeiten und den Diskussionsprozess in den Gemeinden in Gang zu bringen. Mittlerweile hat diese Gruppe ein Werkbuch vorgelegt, in dem über Sinn und Zweck der Einführung eines neuen Bekenntnisses nachgedacht und nach einer Zusammenstellung älterer Bekenntnisschriften ein eigener Vorschlag, das sogenannte Credo von Kappel (vgl. unten), vorgestellt wird. Ziel dieses Prozesses, dem seit Beginn aus unterschiedlichsten Kreisen ein ungemütlicher Gegenwind ins Gesicht bläst, ist es, bis zum Schweizer Reformationsjahr 2019 ein einheitliches reformiertes Bekenntnis hervorgebracht zu haben. 

Gegenwind
Doch wie gesagt: Dieser Prozess hatte es von Beginn weg schwer – und wird es wohl auch weiterhin schwer haben, denn es sind gewichtige Gründe, die gegen eine Einführung eines solchen Bekenntnisses vorgebracht werden. Zunächst einmal geht es um die Befürchtung, die Festlegung eines bestimmten Bekenntnisses in der Kirche atme den Geist der Verbindlichkeit, der Verpflichtung oder gar des Zwanges. Wo die freiheitliche Tradition unserer Kirche auf eine bestimmte Weise interpretiert wird und an vorderster Stelle steht, muss dies Abwehrreaktionen hervorrufen. Bereits bei der liberalen Pfarrschaft, die sich, der Aufklärung verpflichtet, Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreich für die Abschaffung des reformierten Bekenntnisses eingesetzt hatte, war dies das Hauptargument: Ein kirchliches Bekenntnis sei nichts anderes als ein obrigkeitlicher Eingriff in die Glaubensfreiheit des Einzelnen. Auf dieser Linie lag dann auch das Motto, das sich unsere Landeskirchen vor einigen Jahren in einer schweizweiten Kampagne gegeben haben: „Selber denken. Die Reformierten“. Hier wurde die Mündigkeit, Gewissensfreiheit und Eigenverantwortung des Einzelnen zum identitätsstiftenden Credo, zum eigentlichen Schlüsselsatz reformierten Selbstverständnisses erhoben. Das Fazit daraus: Ein einheitliches kirchliches Bekenntnis brauche es nicht, ja: es sei sogar gefährlich; es genüge, dass jeder Einzelne – privat sozusagen – wisse, woran er glaube.Daneben werden weitere Gründe gegen ein neues Bekenntnis vorgebracht; etwa derjenige, dass eine Landeskirche, deren Merkmal es gerade sein soll, in offener Haltung möglichst vielen Menschen religiöse Heimat zu bieten, schlecht beraten sei, aktuelle oder potentielle Mitglieder zu vergraulen, indem man zu genau festlege, was den Kernbestand des eigenen Glaubens ausmache. Dies sei zudem – ein weiteres Argument – gerade auch für die Ökumene schwierig: Gefährden wir nicht – so die kritische Anfrage –, was wir auf diesem Gebiet erreicht haben, wenn wir ‚konfessionalistisch’ darauf schauen, wie sich reformierte Identität in Worte fassen lässt?  

Rückenwind
Was liesse sich – als Rückenwind für den Reflexionsprozess rund um ein neues Bekenntnis – darauf erwidern?Zunächst einmal vielleicht dies: Etwas gänzlich Unbekanntes sind Bekenntnisse für uns ja nicht. Gerade Kirchen oder Kirchgemeinden, die sich – wie die unsere – auf ein ‚Leitbild‘ einigen konnten (hier nachzulesen
), haben einen ganz ähnlichen Prozess schon hinter sich, da Leitbilder nichts anderes sind als betriebliche Credos, in denen bekannt und bekannt gemacht wird, wofür man steht und eintritt, was einem wichtig ist und wie man sich selber versteht – kurz gesagt: man versucht, sich für sich selbst und andere kenntlich zu machen. Und genau darin läge wohl auch der bedeutsamste Sinn eines kirchlichen Bekenntnisses: In einem solchen gäbe unsere Kirche Rechenschaft darüber, auf welchem Boden sie steht, was sie nicht aus den Augen verlieren will, woran sie sich ausrichtet und orientiert. Dies wäre hilfreich in zwei Richtungen: gegen aussen hin und gegen innen. Immer wieder wird der reformierten Landeskirche vorgeworfen, sie habe keine erkennbaren Konturen, sie sei profillos; im Gegensatz zu anderen Konfessionen wisse man bei ihr nie genau, wofür sie eigentlich stehe. Mag diese Sicht in dieser Drastik auch nicht stimmen – sie macht auf etwas Wichtiges aufmerksam: Offenbar gelingt es uns nicht immer, unser (differenziertes) Profil wirklich deutlich und kenntlich zu machen. Dies wäre aber von grösster Wichtigkeit, wenn wir auch gegen aussen hin wirken wollen. Sei dies als offener, verlässlicher Gesprächspartner in ökumenischen Dialogen, sei dies  — unserem prophetischen Auftrag entsprechend — als engagierter und kritischer Teilnehmer an gesellschaftlichen und politischen Diskursen. Aber auch gegen innen hin ist diese kritische Anfrage von grösster Bedeutung: Wenn wir uns fragen, weshalb unsere Kirche ganz offenbar an Bindungskraft verliert und es nicht immer zureichend schafft, unseren Mitgliedern eine echte religiöse Heimat zu bieten oder neue (gerade auch junge) Mitglieder zu gewinnen, so kann die Antwort nicht immer nur bei ‘gesellschaftlichen Trends‘ gesucht werden  — oder höchstens so, dass wir merken, dass auch wir selber als Teil dieser Gesellschaft diesen Trend mitbedingen.  

Klärungsprozess
Was haben wir zu der Frage zu sagen, wer wir als Reformierte sind? Wie geben wir Rechenschaft darüber, was uns ausmacht, ohne nur eine 'negative Identität' aufzubauen, die darüber Auskunft gibt, was es bei uns alles nicht gibt: kein Kopftuch, keinen Papst, keine wiederholten Taufen etc.?Dieser Frage lohnt sich nachzudenken—nutzen wir diesen Prozess. Ob dies alles dann einmal in ein gemeinsames Bekenntnis münden wird, darf und muss zum jetzigen Zeitpunkt eine offene Frage bleiben. Im Wissen darum, dass ein solches Bekenntnis immer Kind seiner Zeit bliebe—zwingend revisionsoffen und nie endgültig —, kann man sagen: Vielleicht wäre es kein Schaden. Was meinen Sie dazu? An uns, die wir gemeinsam Kirche sind, ist es, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen!

Stefan Gruden, Pfr. 


(„Stecken wir als Reformierte Kirche in einer Identitätskrise?“ – Lesen Sie zum selben Thema auch die Predigt vom 24. Januar 2010 auf unserer Homepage) 

Der erwähnte Vorschlag für ein liturgisches Bekenntnis – das sogenannte „Credo von Kappel“ orientiert sich an einem Bekenntnis-Gedicht, das der Projektgruppe vom Berner Theologen, Dichter und Pfarrer Kurt Marti „geschenkt“ worden ist. Kurt Marti hat sich in seinem ‚Bekenntnis‘ stark am Apostolischen Glaubensbekenntnis orientiert.   


Das Credo von Kappel (2009)

Ich vertraue Gott,
der Liebe ist,
Schöpfer des Himmel und der Erde. 

Ich glaube an Jesus,
Gottes menschgewordenes Wort,
Messias der Bedrängten und Unterdrückten,
der das Reich Gottes verkündet hat
und gekreuzigt wurde deswegen,
ausgeliefert wie wir der Vernichtung,
aber am dritten Tag auferstanden,um weiterzuwirken für unsere Befreiung,
bis Gott alles in allem sein wird. 

Ich vertraue auf den heiligen Geist,
der in uns lebt,
uns bewegt, einander zu vergeben,
uns zu Mitstreitern des Auferstandenen macht,
zu Schwestern und Brüdern derer,
die dürsten nach der Gerechtigkeit. 

Und ich glaube an die Gemeinschaft
der weltweiten Kirche,
an den Frieden auf Erden,
an die Rettung der Toten
und an die Vollendung des Lebens
über unser Erkennen hinaus.

(Mehr zum Projekt „Reformiertes Bekenntnis“ sowie alle Texte finden Sie auch unter
www.ref-credo.ch.)

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